Stell dir vor, du gewinnst im Februar den Super Bowl und gehst dann nach einem harten halben Jahr NFL-Saison in den wohlverdienten Urlaub. Aber schon am 1. April stehst du zur ersten freiwilligen Trainingseinheit wieder auf der Matte, obwohl du als Leistungsträger im Kader eigentlich noch pausieren dürftest.
Das ist Devon Witherspoon. Und auch wegen dieser vorbildlichen Arbeitseinstellung haben die Seattle Seahawks den Vertrag des 25-jährigen Ausnahmeverteidigers vorzeitig um vier Jahre verlängert.
Spoon, wie er in Seattle liebevoll genannt wird, ist nach Jaxon Smith-Njigba ein weiteres Gesicht der Meistermannschaft, das langfristig bleibt und dem Footballteam seinen Stempel aufdrückt. Dabei war die NFL nie sein Plan A.
1. Witherspoons Football-Werdegang ist untypisch
Devon Witherspoons erste große Liebe war Basketball. Bis zur elften Klasse, da war er gerade knapp 17 Jahre alt, spielte American Football in seinem Leben keine Rolle. Noch krasser: Ein Stipendium für eine erstklassige College-Football-Universität bekam der Spätstarter erst, nachdem er sich schon an einem Junior College eingeschrieben hatte.
Football-Eingewöhnungszeit benötigte Spoon aber weder an der Highschool noch am College. Als Senior in seiner Heimat Pensacola in Florida wurde er zum Defensive Player of the Year gewählt, nachdem er für seine Schule sieben Interceptions und zwei Touchdowns erzielt hatte.

An der University of Illinois war er 2019 der einzige Verteidiger, der direkt im ersten Jahr Stammspieler wurde. Seinen Platz gab er vier Jahre lang nicht ab und machte sich mit zwei Dingen einen Namen: im Vollsprint überall auf dem Feld Pässe abwehren und seine Gegenspieler selbstbewusst volltexten.
Klingt nach Seahawks-Legende Richard Sherman – und ein bisschen was ist dran. Aber Devon Witherspoon ist ein eigener Charakter. Ein College-Mitspieler antwortete einmal auf die Frage nach dem größten Trash-Talker im Team: "Spoon ist auf Platz eins und dann erst mal niemand bis Platz fünf."
2. Er hatte schon nach zwei NFL-Saisons Legendenstatus
Man könnte sagen, Devon Witherspoon hat die Fan-Herzen in Seattle mit dieser extrovertierten Art im Sturm erobert. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Als die Seahawks zur Feier ihrer 50. Saison 2025 zur Wahl der besten 50 Spieler der Teamgeschichte aufriefen, schaffte es der Verteidiger als einer von nur zwei zu dieser Zeit in Seattle aktiven Profis (neben Punter Michael Dickson) auf die Liste – und das nach gerade einmal zwei Saisons in der NFL.
In mittlerweile drei Spielzeiten in der Liga hat sich Devon Witherspoon als eines der besten Nachwuchstalente der Liga etabliert und bereits unauslöschliche Spuren in der Geschichte der Seahawks hinterlassen.
Die Seahawks tradeten im März 2022 ihren Franchise-Quarterback Russell Wilson zu den Denver Broncos und erhielten im Gegenzug eine Reihe von Draftpicks und Spielern. Einer der Picks, die die Seahawks durch den Tausch erhielten, war Denvers Erstrundenpick für 2023, der schließlich zum fünften Pick im Draft des Jahres werden sollte.

Seattle wählte damit Witherspoon aus und machte ihn zum am zweithöchsten gedrafteten Defensive Back, den die Seahawks in ihrer Franchise-Geschichte ausgewählt haben. Seine athletischen Fähigkeiten und sein Spiel auf dem Feld überzeugten viele Teams, aber seine mentale Stärke hob ihn von den übrigen Spielern ab.
"Wir haben bisher keine Cornerbacks so früh ausgewählt, einfach weil wir noch nie auf einen Spieler mit seiner Mentalität gestoßen sind", sagte der ehemalige Seahawks-Cheftrainer Pete Carroll, nachdem das Team Witherspoon im Draft gepickt hatte. "Es ist seine athletische Begabung, es ist seine Schnelligkeit, es ist sein Spielverständnis und es ist seine Mentalität. Ich bin schon lange nicht mehr auf einen Spieler wie ihn gestoßen."
Und dann zog die Trainerlegende einen Vergleich mit einem Hall of Famer: "Das letzte Mal, dass mir diese Art von Spielweise aufgefallen ist, war damals an der University of Southern California: Troy Polamalu. Er hatte eine außergewöhnliche Art, das Spiel zu spielen. Das habe ich auch bei Devon erkannt."
3. Sein Wert als Spieler lässt sich nicht an Stats ablesen
Witherspoon hat in der NFL sofort Eindruck hinterlassen, da er in jeder seiner ersten drei Saisons ins All-Star-Team gewählt wurde. Er beendete seine Rookie-Saison auf dem vierten Platz bei der Wahl zum Defensive Rookie of the Year, nachdem er 79 Tackles, acht Tackles für Raumverlust, drei Sacks, 16 abgewehrte Pässe und eine Interception verbucht hatte, die er gegen die New York Giants über 97 Yards zum Touchdown zurückgetragen hatte.
Auf seine beeindruckende Rookie-Saison folgten zwei weitere herausragende Jahre, auch wenn seine Zahlen nicht besonders hervorstachen. Obwohl er 2024 keine und 2025 nur eine Interception verbuchte, beeinflusste er das Spiel auf so vielen unterschiedlichen Wegen.

Witherspoons ansteckende Energie und sein unermüdlicher Einsatz sorgen dafür, dass auch der Rest der Verteidigung Big Plays machen kann. Wenn er übers Feld wirbelt und gefühlt überall zugleich ist, setzt das jede Offensive sofort unter Druck, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken. So entstehen Räume für Mitspieler. "Er spielt, als stünde sein Haar in Flammen", sagte Cheftrainer Mike Macdonald einmal über seinen Schlüsselspieler – und meint damit nicht nur NFL-Sonntage, sondern auch jeden einzelnen Trainingstag.
Diese Rolle des unermüdlichen Arbeiters, Dauerbrenners, Antreibers lebt Devon Witherspoon seit Tag eins in Seattle vor. Daran hat sich weder durch den Super-Bowl-Titel noch durch einen lukrativen neuen Vertrag etwas geändert. Während andere Spieler sich durch zähe Verhandlungen oder Gerüchte vom Sportlichen hätten ablenken lassen, war Spoon nur darauf fokussiert, jeden Tag noch besser zu werden.











