Nicht enttäuscht sein: Von den gesetzten Seahawks-Stammspielern wirst du in den kommenden Wochen der Vorbereitung eher wenig sehen, bis am 10. September im Lumen Field die neue NFL-Saison feierlich eröffnet wird.
Aber: Dafür gilt es in Seattle Fragen rund um den Kader für die Spielzeit 2026 zu beantworten, die deutlich spannender sind als die nicht gewerteten Highlights eines Superstars in einem Testspiel.
Achte auf diese fünf Themen – und du wirst die Preseason lieben wie nie zuvor.
1. Wer folgt auf den Super Bowl MVP?
Der Abgang von Super Bowl MVP Kenneth Walker III in der Free Agency zu den Kansas City Chiefs hinterlässt menschlich wie sportlich eine Lücke. Aber die Seahawks sind weiterhin überzeugt von den Running Backs, die sich im Kader befinden. Neu dazu gehört Jadarian Price, den Seattle in der ersten Runde des NFL Draft 2026 auswählte – weil die Verantwortlichen in ihm einen Spieler sahen, der sich abhob.
"Ein großartiger Spieler", sagte General Manager und President of Football Operations John Schneider nach der Auswahl von Price. "Er ist ein herausragender Mensch, ein großartiger Wettbewerber – einfach ein Seahawk."
In seiner finalen College-Saison bei den Notre Dame Fighting Irish erzielte Price elf Touchdowns und bei 113 Läufen 674 Yards – ein Durchschnitt von 6,0 Yards pro Lauf. Darüber hinaus unterstrich er seine Qualitäten im Passspiel und in den Special Teams mit zwei Receiving Touchdowns sowie zwei Kick Return Touchdowns.

Genau das dürfte die Chance des Rookies sein, um möglichst früh möglichst viel Spielzeit zu erhalten. Nach dem Draft erklärte Head Coach Mike Macdonald, dass die Seahawks Price vielseitig einsetzen wollen: "Er kann im Passspiel richtig aufblühen. Ich glaube, das ist ohnehin ein Bereich unserer Offense, in dem wir den nächsten Schritt machen können, indem wir unsere Running Backs noch stärker einbinden."
Zur großen Frage nach Prices Rolle erklärt der Cheftrainer: "Er wird ins Trainingslager kommen und mit allen anderen um Einsatzzeit kämpfen."
Denn Price ist längst nicht der einzige Kandidat für die Rolle des Starting Running Backs. Auch George Holani, der während der Playoffs nach der Verletzung von Zach Charbonnet überzeugte, sowie Free-Agent-Neuzugang Emanuel Wilson werden sich ihre Chancen auf Spielanteile erarbeiten wollen.
Wann Charbonnet vollständig zurückkehren wird, ist derzeit noch offen. Klar ist jedoch, dass er nach seiner Rückkehr wieder eine wichtige Rolle im Laufspiel einnehmen soll. Gleiches gilt für Kenny McIntosh, der sich ebenfalls nach einem Kreuzbandriss zurückkämpft.
Sobald alle Running Backs wieder fit sind, verfügen die Seahawks über zahlreiche Optionen auf dieser Position. Zum Start des Training Camps werden jedoch zunächst Price, Holani und Wilson um die verfügbaren Snaps konkurrieren.
2. Welche Ziele stecken sich Sam Darnold und Jaxon Smith-Njigba?
Vor einem Jahr starteten die Seahawks mit einer komplett neuen Quarterback-Gruppe und ohne ihre beiden Star-Receiver DK Metcalf und Tyler Lockett ins Training Camp.
Zwölf Monate später konnte die Ausgangslage nicht unterschiedlicher sein. Mit Starter Sam Darnold, Backup Drew Lock und Jalen Milroe hat Seattle alle drei Spielmacher der vergangenen Saison noch an Bord – und über die Rekordsaison von Receiver Jaxon Smith-Njigba, der aus dem Schatten seiner beiden Vorgänger heraus explodierte, wurde Woche für Woche mit neuen Meilenstein-Meldungen berichtet.
Was kann da noch kommen für zwei Super Bowl Champions, von denen einer es endlich allen Zweiflern bewiesen hat und der andere aktueller Offensivspieler des Jahres ist? Die Antworten geben Darnold und JSN selbst:
"Ich habe im Super Bowl nicht gut gespielt", sagte Darnold in der Offseason selbstkritisch im Podcast Bussin' With The Boys. "Ich habe viel zu viele Würfe verfehlt. Wir haben trotzdem gewonnen. Unsere Defense hat überragend gespielt. Ich habe den Ball nicht hergegeben, was natürlich geholfen hat. Aber ehrlich, den Super Bowl auf diese Art zu gewinnen, hat mich schon ein bisschen geärgert. Ich will 40 Punkte erzielen. Ich will richtig dominieren. Dass ich ausgerechnet im Super Bowl nicht mein bestes Football gespielt habe? Das nervt."

Darnold geht mit sich selbst offensichtlich deutlich härter ins Gericht, als es gerechtfertigt wäre. Schließlich blieb er während der drei Playoff-Spiele ohne Interception oder Fumble und trug damit maßgeblich dazu bei, dass die Seahawks als erstes Team der NFL-Geschichte die komplette K.-o.-Runde ohne Ballverlust absolvierten.
Seine Aussage verdeutlicht aber genau die Mentalität, die ihn überhaupt erst an diesen Punkt seiner Karriere gebracht hat. Der Weg Darnolds vom Erstrundenpick über den Journeyman-Backup bis hin zum Pro Bowler und Super Bowl Champion ist inzwischen vielfach erzählt worden. Entscheidend für seinen Aufstieg nach schwierigen Jahren war jedoch stets dieselbe Eigenschaft: Darnold hat nie aufgehört, an sich selbst zu glauben, und wird vor allem durch seinen eigenen Ehrgeiz angetrieben.
Daran wird ein glänzender Super-Bowl-Ring nichts ändern – und daran wird auch ein neuer Offensive Coordinator nichts ändern.
Zum einen stammt Brian Fleury – zuvor Run Game Coordinator und Tight Ends Coach bei den San Francisco 49ers – aus derselben West-Coast-Offense-Schule wie sein Vorgänger Klint Kubiak. Zum anderen ist Darnold Veränderungen gewohnt: In den vergangenen sieben Jahren arbeitete er unter sieben verschiedenen Offensive Coordinators.
Und wie sagte Jaxon Smith-Njigba im Rahmen der Super-Bowl-Parade so schön: "Das Ziel sind zwei Titel in Serie." Dagegen hätte auch Sam Darnold gewiss nichts, weil er dann seinen persönlichen Super-Bowl-Makel vergessen machen könnte.
3. Welche Stammplätze werden an wen neu vergeben?
Neben Kenneth Walker III haben die Seahawks weitere Stammspieler verloren, allen voran in Safety Coby Bryant und Cornerback Riq Woolen zwei Leistungsträger der Meister-Defense.
Potenzielle Nachfolger für ihre Fußstapfen gibt es sowohl intern als auch aus Neuverpflichtungen – was wiederum für genau den Konkurrenzkampf im Trainingslager sorgen wird, der Teams in den Wochen der Vorbereitung entscheidend besser macht.
Devon Witherspoon und Josh Jobe sind gesetzt, aber die Rolle des dritten Cornerbacks ist noch zu vergeben. Mit Draft-Neuzugang Julian Neal, Free-Agency-Verpflichtung Noah Igbinoghene und dem vergangene Saison überzeugenden Special Teamer Nehemiah Pritchett dürften sich gleich drei Kandidaten gute Chancen auf die Position ausrechnen.
Ähnlich groß ist der Safety-Wettbewerb, um Bryant zu ersetzen. Erfreulicherweise verfügt Seattle mit Pro Bowler Julian Love weiterhin über einen erfahrenen Führungsspieler, der das Defensive Backfield anführt. Zudem kehrt Ty Okada zurück, der sich 2025 vom Practice-Squad-Spieler zu einem wichtigen Leistungsträger entwickelte, der in der vergangenen Saison elfmal in der Startformation stand.

Natürlich gibt es außerdem noch Nick Emmanwori, der nach einer herausragenden Rookie-Saison zurückkehrt. Der vielseitige Defensivspieler war eine der wichtigsten Schachfiguren in Mike Macdonalds Defense. Zwar wird Emmanwori offiziell als Safety geführt, den Großteil der vergangenen Saison verbrachte er jedoch als extrem variabel eingesetzter Nickel Defender, der in den entscheidenden Situationen überall auf dem Feld das Spiel an sich riss. Diesen Vorteil wird sich Seattle nicht nehmen lassen wollen.
Damit stellt sich automatisch die Frage, ob jemand dem Favoriten auf die Starter-Position, Ty Okada, den Platz neben Julian Love streitig machen kann.
Vielleicht Bud Clark, der ballhungrige Zweitrundenpick von der Texas Christian University, der in den vergangenen vier College-Spielzeiten insgesamt 15 Interceptions verbuchte und ähnlich vielseitig aufstellbar ist wie Emmanwori?
Oder etwa Rodney Thomas II, der in seinen ersten beiden Spielzeiten bei den Indianapolis Colts insgesamt 25 Spiele als Starter absolvierte?
Kurz gesagt: Die Seahawks verfügen über zahlreiche Möglichkeiten, Bryant in der Startformation zu ersetzen – neben Okada, Clark und Thomas kommen auch noch D'Anthony Bell, AJ Finley und Maxen Hook infrage.
4. Wie konservieren die schweren Jungs ihre Topform?
Während die Seahawks nach ihrer Super-Bowl-LX-Saison nur wenige Abgänge verkraften mussten, kehrt eine Positionsgruppe sogar komplett in ihrer bisherigen Besetzung zurück: die Offensive Line. Alle Starter sowie der Großteil der Backups stehen auch 2026 im Kader.
In der vergangenen Saison setzte Seattle in jedem einzelnen Spiel – einschließlich der Playoffs – auf dieselben vier Starter: Charles Cross, Grey Zabel, Anthony Bradford und Abe Lucas. Lediglich Jalen Sundell verpasste aufgrund einer Knieverletzung, die ihn auf die Injured Reserve List brachte, einige Partien. Dennoch kam er auf 13 Einsätze in der Regular Season und absolvierte anschließend jedes Playoff-Spiel als Starter.
Diese Offensive Line leistete hervorragende Arbeit beim Schutz von Quarterback Sam Darnold und ließ 2025 lediglich 27 Sacks zu – geteilter fünftbester Wert der NFL.
"Ich freue mich riesig darauf, weil wir so viel Kontinuität in der Gruppe haben", sagte Abe Lucas. "Ein bisschen tut mir Beau (Stephens) leid, weil er als einziger Rookie neu dazukommt. Aber er hat sich super eingefügt und alle mögen ihn. Es ist schön, die Truppe zusammenzuhalten, ohne personell durchwechseln zu müssen. Wir können direkt loslegen."

Ähnlich unverändert sieht auch das Prunkstück der Seahawks aus: die Defensive Line.
Die Dominanz aus dem Super Bowl spiegelte die gesamte Saison wider. Seattle verbuchte im Endspiel sechs Sacks, von denen zwei direkt zu Ballverlusten der Patriots führten. Abgesehen von einigen Läufen von Quarterback Drake Maye bekam New England auch am Boden kaum etwas zustande – die Running Backs der Patriots kamen zusammen lediglich auf 42 Rushing Yards bei 13 Läufen.
Für Seattle beginnt alles mit einer dominanten Defensive Front, angeführt von Leonard Williams, Byron Murphy II, Jarran Reed sowie den Outside Linebackern DeMarcus Lawrence, Uchenna Nwosu und Derick Hall. Die gute Nachricht: Alle diese Spieler stehen auch 2026 wieder im Kader.
Der einzige nennenswerte Abgang dieser Front ist Boye Mafe, der sich in der Free Agency den Bengals angeschlossen hat. Als Ersatz verpflichteten die Seahawks den erfahrenen Outside Linebacker Dante Fowler Jr., der in zehn NFL-Jahren 58,5 Sacks erzielt hat und zudem als ausgezeichneter Verteidiger gegen den Lauf gilt.
Außerdem erwarten die Seahawks einen weiteren Entwicklungsschritt von Defensive Tackle Rylie Mills, der den Großteil seiner Rookie-Saison verletzungsbedingt verpasste, zum Saisonende jedoch immer stärker wurde – gekrönt von seinem Sack im Super Bowl.
5. Wie sieht der Job von Speedster Rashid Shaheed 2026 aus?
Zur Mitte der Saison 2025 verstärkten sich die Seahawks mit Wide Receiver Rashid Shaheed. Der Einfluss des explosiven Playmakers machte sich sofort bemerkbar – insbesondere in den Special Teams. Mit seinen Return Touchdowns leitete er Comeback-Siege ein, entschied Spiele nach zwölf Sekunden und brachte wie einst Marshawn Lynch die Erde in Seattle zum Beben.
Inzwischen hat der Receiver einen neuen Dreijahresvertrag unterschrieben und bleibt damit langfristig in Seattle. So wertvoll Shaheed in den Special Teams auch war, auch als Passempfänger konnte er seinen Beitrag leisten. Die Hoffnung der Seahawks ist nun, dass er nach einer kompletten Offseason mit Quarterback Sam Darnold auch offensiv eine deutlich größere Rolle übernehmen kann.
Sollte Shaheed tatsächlich eine größere Rolle in der Offense übernehmen, könnte das allerdings bedeuten, dass er weniger oder gar nicht mehr als Returner eingesetzt wird. Dadurch würden bei den Seahawks neue Aufgaben in den Special Teams frei werden.

Als Punt Returner könnte Tory Horton diese Rolle übernehmen. Bevor eine Verletzung seine Rookie-Saison vorzeitig beendete, war Horton auf dem besten Weg zu einer starken ersten NFL-Spielzeit. In acht Partien fing er 13 Pässe für 161 Yards und fünf Touchdowns. Gleichzeitig überzeugte er als Punt Returner mit 16 Versuchen für 238 Yards, darunter ein Punt Return Touchdown über 95 Yards.
Für die Kickoff Returns verfügen die Seahawks ebenfalls über mehrere Optionen. George Holani, Cody White, Rookie Jadarian Price und Rookie Emmanuel Henderson Jr. bringen allesamt Erfahrung als Kick Returner mit. Holani und White übernahmen diese Aufgabe bereits in der vergangenen Saison für Seattle.
Dass Rashid Shaheed die Special Teams der Seahawks im vergangenen Jahr mit seinen Big Plays entscheidend bereichert hat, steht außer Frage. Je näher die neue Saison rückt, desto klarer wird sich jedoch zeigen, wie Seattle die Balance zwischen seiner Rolle als explosiver Returner und einer größeren Bedeutung in der Offensive gestalten möchte.











